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Ein zentraler Gedanke von Rotary ist es, der Gemeinschaft zu dienen. Dabei kommt es darauf an, zu handeln. Handeln ist mehr als nur denken, nur sagen, nur hören und nur verstehen. Es kommt auf die Umsetzung und Vollendung an.

RC Lübeck: „Frühe Hilfen – das Gemeindienstprojekt für Lübecker Kinder“

Die Zahl der Geburten in Deutschland sinkt und es gibt immer weniger Kinder. Vor diesem Hintergrund ist es besonders beunruhigend, dass die Zahl der Kinder steigt, die in ihrer Entwicklung Unterstützung und Förderung benötigen.

Zwei Mädchen beim Spielen

Ursachen für eine Entwicklung, die nicht altersgemäß verläuft, gibt es viele: genetisch bedingte Anlagen, die eine „normale“ Entwicklung behindern oder verhindern, medizinische Ursachen wie z.B. Unterversorgung in der Schwangerschaft, Probleme und Komplikationen während der Geburt, Fehlbildungen u.v.m. Darüber hinaus können auch Umstände aus dem häuslichen, familiären Umfeld die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen: Ist das Zuhause geprägt von z.B. Bildungsferne, Armut, Alleinerziehung, schlechten Wohnverhältnissen, unerwünschter Schwangerschaft, psychische Erkrankung eines Familienmitglieds, Sucht, Gewalt in der Familie, Kriminalität (sogenannte psychosoziale Risikofaktoren), so bestehen hohe Risiken für eine normale Entwicklung. In solchem Umfeld ist die Gefahr sehr groß, dass zwischen Kind und Bezugspersonen (Eltern, Geschwister, Großeltern usw.) keine tragfähige Interaktion möglich ist. Die seelischen und körperlichen Grundbedürfnisse des Kindes werden nicht erfüllt. Die typische Folge sind Entwicklungsverzögerungen schon im frühen Kindesalter. Eine Förderung ist notwendig, um diesen Kindern eine Chance auf eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Für Kinder mit Behinderungen oder einer drohenden Behinderung gibt es Förderung und Unterstützung durch Leistungen, die die öffentliche Hand gewährt. Einzelheiten hierzu sind in den Sozialgesetzbüchern beschrieben. Es handelt sich hierbei um Eingliederungshilfeleistungen, denn Aufgabe der Eingliederungshilfe ist es, eine drohende Behinderung zu verhüten oder eine Behinderung oder deren Folgen zu beseitigen oder zu mildern. Für Kinder im Alter von 0-6 Jahren können dies z.B. Leistungen im Rahmen von Frühförderung sein. Sie umfassen Leistungen der heilpädagogischen Frühförderung oder die „Komplexleistung Frühförderung“. Letzteres beinhaltet medizinisch-therapeutische und psychologisch-pädagogische Leistungen, die „aus einer Hand“ erbracht werden. Ein weiteres Angebot für Kinder im Alter von 3 - 6 Jahren wird in Kindertagesstätten vorgehalten, in denen heilpädagogische Förderung erbracht wird.

So viel Hilfe durch den Staat – warum dann dieses Projekt des RC Lübeck?

Dafür gibt es folgende Gründe:

  • Viele Kinder, die in ihrer Entwicklung insbesondere durch psychosoziale Faktoren in ihrer Entwicklung gehindert sind, erfüllen nicht die Anspruchsvoraussetzungen auf Leistungen der Eingliederungshilfe. Diese Kinder sollen durch die Aufnahme ins Projekt die Möglichkeit bekommen, gleichberechtigt am Leben der Gesellschaft teilzunehmen.
  • Nach den Erfahrungen/Eindrücken des RC Lübeck dauert es oft zu lange bis der notwendige Förderbedarf erkannt, die Fördermaßnahme bewilligt und die Förderung angelaufen ist. Zeiträume von 6 Monaten zwischen Erkennen des Förderbedarfs und dem tatsächlichen Beginn der Förderung sind leider keine Seltenheit. Das Erkennen des Förderbedarfes und die Beantragung der Fördermaßnahme sollen durch das Projekt beschleunigt und zusätzlich soll die Zeit bis zum Anlaufen der Förderung im Rahmen der Eingliederungshilfe überbrückt werden.
  • Internationale Studien belegen, dass Förderung für (Klein-)Kinder um ein Vielfaches effizienter ist, als Förderung, die erst in der Schulzeit beginnt. Wichtig war dem RC Lübeck daher, sein Projekt schon bei den Dreijährigen, zu Beginn deren Kindergartenzeit zu starten.
Junge im Kletternetz

Als finanziellen Rahmen für dieses Projekt, das zunächst für 3 Jahre angelegt ist, hat der RC Lübeck 50.000 € vorgesehen.

Ausgewählt wurde eine Kindertagesstätte in einem sozial benachteiligten Stadtteil der Hansestadt Lübeck. Die evangelische Kindertagesstätte Dreifaltigkeit in diesem Stadtteil ist die größte Einrichtung ihrer Art in Lübeck; hier werden zur Zeit 120 Kinder betreut.
In 6 Elementargruppen und zwei Projektgruppen sind neben deutschen Kindern Kinder verschiedener anderer Nationalitäten zusammengefasst. Die Kinder haben ein Alter von drei bis sechs Jahren und besuchen die Kita halbtags oder ganztags. In den Projektgruppen „Erdlinge“ und „Wikinger“ erleben die Kinder spielerisch mit den Naturelementen und den Jahreszeiten umzugehen. Die Wikinger begeben sich auf Entdeckungsreise in die Vergangenheit. Zum Tagesablauf gehören hier u.a. die Versorgung von Tieren, der Umgang mit Werkzeugen und verschiedenen Materialien der Natur und Umwelt. ..

Die professionelle Durchführung und Betreuung des Projektes geschieht durch Mitarbeiterinnen (Heilpädagoginnen) der Lebenshilfe Ostholstein e.V. Die Lebenshilfe Ostholstein e.V. ist ein Zusammenschluss von Menschen mit und ohne Behinderung (Eltern, Angehörigen, Fachleuten, Förderern und Freunden). Sie ist Träger verschiedener Einrichtungen, u.a. Träger der Heilpädagogischen Frühförderung. Ihren Mitarbeiterinnen sind die Kinder unseres Projektes anvertraut. Fachlich geleitet und begleitet wird das Projekt durch die Leiterin der Heilpädagogischen Frühförderung, Frau Bianka Prüße-Schmidt, in ihren Händen liegt auch die übergreifende Beratung der betroffenen Eltern.

Nachdem das Konzept für das Projekt des RC Lübeck erarbeitet war, die Kindertagesstätte und der professionelle Leistungserbringer fest standen, wurde allen Eltern das Vorhaben schriftlich angekündigt. Aus der Rückmeldung der Kindertagesstätte erfuhren wir, dass die Eltern das Projekt sehr begrüßten und dem Auswahlverfahren der Kinder zustimmten.

Was geschieht?

Insgesamt werden 12 Kinder in 4 Gruppen mit insgesamt 12 Stunden pro Woche in der Kindertagesstätte von diplomierten Heilpädagoginnen gefördert. Zu Beginn waren die ausgewählten Kinder 3jährig oder knapp älter; die Förderung endet mit dem Schulbeginn.

Wie oben beschrieben fehlt diesen Kindern häufig die Fähigkeit, Bindungen aufzubauen und Beziehungen einzugehen. Die Folge sind geringes Selbstwertgefühl, geringes Selbstbewusstsein und daraus resultierend unangemessenes Verhalten (störendes, überschießendes Verhalten oder Rückzug und Isolation). Ein Schwerpunkt der heilpädagogischen Förderung ist es daher, die Kinder beim Beziehungsaufbau zu unterstützen und damit auch Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl erlebbar zu machen und zu stärken. Weitere Schwerpunkte der Förderung sind die Motorik, die Wahrnehmung, die Sprache und das Spielverhalten, darüber hinaus die Beratung der Eltern und Erzieherinnen (Gruppenleiterinnen) in der Kindertagesstätte.

Der hier schwerpunktmäßig angewandte Förderansatz kommt aus der Motopädagogik. Dieses Schlagwort setzt sich zusammen aus den Begriffen „Motorik“ (Bewegung) und „Pädagogik“ (Erziehung) und bedeutet demnach soviel wie „Erziehung durch Bewegung“. Es ist ein ganzheitlich orientiertes Konzept der Erziehung durch Bewegung, Wahrnehmung und des Erlebens. Dabei wird die ganzheitliche Förderung eines Kindes über motorische Angebote eingeleitet. In der Umsetzung bedeutet dies, dass die Heilpädagoginnen in der Vorbereitung die Turnhalle in eine „Bewegungslandschaft“ verwandeln. Groß- und Kleingeräte werden so kombiniert, dass die Kinder vielfältige Möglichkeiten haben, diesen Parcours zu bewältigen. Hierzu gehören u.a. Angebote zur Schulung des Gleichgewichtes, zum angemessenen Krafteinsatz, zum Wechsel von (An-)Spannung und Entspannung des Körpers u.v.m.

Materialangebote und Aufbauten/Inhalte richten sich hierbei nach den individuellen Bedürfnissen, Themen und Lernzielen der jeweiligen Kinder. Die Kinder haben die Möglichkeit, sich und ihren Körper auszuprobieren, zu testen und erlernte Bewegungsabläufe in immer neuen Situationen zu wiederholen. Wiederholung ist dabei sehr wichtig. Nur durch Wiederholung festigen sich Erlebnisse. Nur durch bewusste Erlebnisse sammelt der Mensch Erfahrungen. Durch Erfahrungen bildet das Gehirn abrufbare Muster. Diese abrufbaren Muster können dann auch in andere Situationen zu übertragen werden, z. B. in die Familie, in die Kindergartengruppe, im Kontakt zu anderen Kindern (z.B. auf dem Spielplatz).

Erste Erfahrungen

An konkreten Beispielen können wir nach einem Jahr u.a. über folgende Erfahrungen berichten:

1. Mädchen, jetzt 4 Jahre und 2 Monate

 

Vorher

Nachher

Stuhlkreis:

Kein Interesse

meistens aktive Teilnahme

Freispiel:

Spielte allein

Annahme der Mitspielangebote

Streit:

Aggressives Verhalten bei Misserfolgen lustlos

weniger aggressiv gestiegene Frustrationstoleranz

Sprechbereitschaft:

gering

erzählt lebhaft

2. Junge, jetzt 4 Jahre und 6 Monate

 

Vorher

Nachher

Stuhlkreis:

Kein Interesse

nimmt aktiv teil

Freispiel:

Spielte allein

anerkannter Spielpartner

Konflikte:

Aggressives Verhalten

weniger aggressiv, versucht sprachliche Lösungen

Selbstvertrauen:

gering

deutlich gestiegen

Sprechbereitschaft:

gering

erzählt lebhaft, „versteinert“ nur noch selten

Nach der Sichtungsphase stellte sich heraus, dass einige der Kinder aus den Kleingruppen dringend individuelle Förderung benötigten. Für diese Kinder wurde dann jeweils ein Antrag auf Frühförderung gestellt, die nach entsprechender Bearbeitungszeit auch bewilligt wurde. Ein Kind hat die Einrichtung gewechselt und wird nun in einer Integrativen Kindertagesstätte in einer Heilpädagogischen Kleingruppe betreut. Kinder, die eine Frühförderung erhalten, verlassen unsere Kleingruppen; der Platz wird dann von einem anderen Kind eingenommen.

Derzeitiger Stand:

Den Eltern der geförderten Kinder steht immer ein Beratungsangebot zur Verfügung, das gern genutzt wird. Hier erhalten die Eltern Anregungen und Unterstützung für den Umgang und die Förderung ihrer Kinder. Darüber hinaus gibt es ein offenes Beratungsangebot für alle Eltern der Kindertagesstätte, das gern und zunehmend intensiver in Anspruch genommen wird.

Zwei Mädchen an der Sprossenwand

Nach gut 1 ½ Jahren ist dieses Projekt so in den Kindergartenalltag integriert, dass die Erzieherinnen dieses Projekt nicht missen möchten. Viele Ansätze aus der Heilpädagogik sind bereits in die „normale“ Arbeit der Kindergartengruppen eingeflossen. Durch zusätzliche Beratung der Erzieherinnen wird der Umgang mit entwicklungsauffälligen Kindern fachlich unterstützt.

Schon vor Beginn des neuen Kindergartenjahres kam die Kindertagesstätte auf den RC Lübeck mit der Bitte zu, auch für die in ihrer Entwicklung auffälligen Kinder des neuen Jahrgangs eine Förderung vorzusehen. Diese Förderung sollte genauso intensiv geschehen wie bei dem bereits betreuten Jahrgang. Dazu hat sich der RC Lübeck nicht entschließen können, weil er zunächst den weiteren Verlauf und Erfolg des bisherigen Projektes abwarten wollte. Gleichwohl sah der RC Lübeck die Notwendigkeit einer zusätzlichen Unterstützung. Er hat daraufhin beschlossen, für die neuen – bereits nach kurzer Zeit auffälligen Kinder – ein Screening durchzuführen. Damit sollten rechtzeitig Ansprüche auf Förderbedarf im Rahmen von Eingliederungshilfe erkannt und Eltern in dem notwendigen Antragverfahren unterstützt werden. 13 Kinder, die von den Mitarbeiterinnen der Kita benannt wurden, wurden in vier Kleingruppen jeweils 1 ½ Stunden beobachtet. Für 10 Kinder wurde von den Heilpädagoginnen die Empfehlung ausgesprochen, einen Antrag auf Frühförderung zu stellen, 1 Kind wurde – da ein Platz frei geworden war – in eine der Kleingruppen des Projektes aufgenommen, für zwei Kindern wurden zunächst keine weiteren Schritte vereinbart.

Teil des Projektes ist es auch, über die Kinder und die Arbeit mit ihnen regelmäßig zu berichten. Dies begann mit einem Eingangsbericht an die Eltern und die Gruppenleiterinnen der geförderten Kinder. In Abständen von ca. 4 Monaten erfolgt jeweils eine Aktualisierung und es finden vereinbarte Gespräche über den Entwicklungsstand des jeweiligen Kindes statt.

Ausblick

Zur Halbzeit des Projekts stellt der RC Lübeck fest, dass er hier eine erfolgreiche Initiative gestartet hat. Eine größere Anzahl kleiner Kinder bekommt die Möglichkeit und nutzt sie, durch individuelle Förderung deutliche Fortschritte in der Entwicklung zu machen. Diese Chance haben diese Kinder nur durch unser Projekt bekommen. Vielleicht findet unsere Idee Nachahmer unter den anderen Clubs in Deutschland, die – wie wir – eine gute Möglichkeit sehen etwas Positives für die Zukunft dieser benachteiligten Kinder zu bewirken.

Der RC Lübeck sucht für das Fach Heilpädagogik interessierte Studierende, die bereit sind, die Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Projekt im Rahmen einer Bachelor- oder Masterarbeit zu evaluieren.



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